Der Stiftsgarten: grüne Oase im Matte-Quartier

 

Auf der Suche danach, wie sich städtisches Leben mit direkter Naturerfahrung verbinden lässt, landete ich kürzlich auf der Homepage des Berner Stiftsgartens. Allein die Bilder genügten, um bei mir begeisterte Neugier auszulösen, da ich die wunderschönen Terrassengärten am Südhang zwischen Altstadt und Aare schon öfter etwas neidisch bestaunt habe. "So ein Garten wäre grossartig" und "ob man da wohl auch mitgärtnern kann?" fragte ich mich jedes Mal.

 

Dementsprechend gross war meine Freude vom Stiftsgarten zu lesen, der aktuell immer Montag-  und Donnerstagmorgen von 9 bis 12 Uhr zum Mitgärtnern und Donnerstagnachmittag von 14 bis 18 Uhr zum Austauschen und Kennenlernen geöffnet ist. 

 

 

So machte ich mich also gleich am nächsten Montag auf den Weg vom Berner Münster die steilen Treppen der Altstadt hinunter, vorbei an engen Gassen und üppig blühenden Gärten. Mittendrin im Unesco-Weltkulturerbe liegt der Stiftsgarten hinter hohen Mauern. Ich steige ein paar Stufen hinauf und schon bin ich direkt im Gartenparadies, das bunte Treiben der Stadt bekomme ich hier nur noch aus der Ferne mit.

 

Vom verwilderten Grundstück zur Spezialitätengärtnerei: zur Geschichte des Stiftsgartens

 

Seit 2013 widmet sich die Initiantin des Stiftsgartens, Angela Losert, nun schon dem Projekt. Das 22 Are grosse Gelände war über vier Generationen in Familienbesitz und blieb anschliessend für drei Jahre ungenutzt sich selbst überlassen. Um das verwilderte Areal wieder bepflanzen zu können, brauchte es zunächst jede Menge tatkräftige Hände und ehrenamtliche Helfer/Innen. Stück für Stück wurde im Herbst 2013 mit der Wiederinstandsetzung begonnen und erst 2017 waren die wichtigsten umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen. Das Ergebnis kann sich dafür umso mehr sehen lassen.

 

 

 

Eine grosse Stützmauer wurde errichtet, das Gelände geebnet und mit Wasser- und Stromanschluss erschlossen. Die Ernte im Jahr 2018 wird eine echte Überraschung, denn dieses Frühjahr konnte erstmals die gesamte Fläche des Gartens bepflanzt werden.

 

 

"Bärner Beeren und mehr":  was im Stiftsgarten wächst und gedeiht

 

Nun aber zur vielleicht wichtigsten Frage:  Was wächst denn hier eigentlich?

Zuallererst ins Auge fallen mir die Weinreben entlang der unteren Hangreihen, umgeben von jeder Menge leuchtend gelber Königskerzen, die in dieser Jahreszeit gerade blühen. Dazwischen immer wieder Wiesenstücke, wo Mohn- und Kornblumen gemeinsam mit anderen Wildpflanzen um die Wette leuchten.

 

Bei einem Rundgang durch den Garten offenbart sich dann eine Vielfalt, die mich definitiv ins Staunen versetzt. Spezialisiert hat sich der Stiftsgarten auf den Anbau von Beerenfrüchten in all ihren Facetten. Als erstes lerne ich hier also, dass es viel mehr Beerensorten gibt als die üblichen Bäume und Sträucher, die mir so einfallen. Trauben, Heidelbeeren, Andenbeeren, Johannis- und Stachelbeeren, daneben aber auch wilde Strauchbeerensorten wie Holunder, Sanddorn, Schlehe oder Hagebutte. Nicht zu vergessen sind zudem die Gemüsebeeren, an die wir bei dem Wort "Frucht" eher selten denken.

 

 

Dazu gehören z.B. Paprika, Tomaten, Auberginen oder Zucchini. Eben alles, was sich vom Strauch oder Baum pflücken lässt und in diesem Sinne ist ein Beerengarten wirklich Vielfalt pur.

 

https://stiftsgarten.ch/galerie/eindruecke-2017

 

Natur verstehen: ein Blick auf Nachhaltigkeit und Biodiversität

 

Die Gartenarbeit im Stiftsgarten geschieht immer nach den Grundsätzen eines biologischen und naturnahen Anbaus mit dem zusätzlichen Schwerpunkt zur Erhaltung und Vermehrung alter Kulturpflanzensorten. Der Stiftsgarten hat in diesem Kontext Partnerschaften mit dem Verein "Bioterra", der an Bildungsangeboten des Gartens beteiligt ist, und mit der Stiftung "Pro Specie Rara", die Saat- und Pflanzgut zur Verfügung stellt. Als Ort der Begegnung und praxisbezogenen Bildung, sollen die Helfer/Innen und Besucher/Innen für eine nachhaltige Lebensweise sensibilisiert werden.

 

Lernen in und mit der Natur - das wird im Stiftsgarten auf vielfältige Weise realisiert. Zum Beispiel durch Führungen, Kurse, themenbezogene Mitmachaktionen und natürlich durch ehrenamtliche Mitarbeit. Ebenso kann der Garten für kulturelle Veranstaltungen und Feierlichkeiten gemietet werden.

 

 

Seit 2015 wird das vielfältige Angebot des Stiftsgartens durch die Partnerschaft mit der OGG (Oekonomische Gemeinnützige Gesellschaft Bern) gefördert. Der unabhängige Verein unterstützt nachhaltige und soziale Projekte mit den Schwerpunkten Boden, Ernährung und Inklusion. Direkt in den Stiftsgarten integriert ist über die OGG zum Beispiel auch ein Teil des Schulprojektes "Gemüsetruhe", das von Annekathrin Jezler, der Co-Leiterin des Stiftsgartens betreut wird.

 

 

Das Geschenk der Natur: Integration und Begegnung bei der Gartenarbeit

 

Von Anfang an hat mich begeistert, dass der Stiftsgarten zugleich ein Ort der interkulturellen Begegnung ist. Ein Ort überhaupt an dem der Austausch mit der Natur und von Mensch zu Mensch im Mittelpunkt steht. Auf Augenhöhe und ungeachtet der verschiedensten Hintergründe. Menschen mit Flüchtlingshintergrund und jenen aus dem Projekt "Chancen" des universitären psychiatrischen Dienstes, bietet der Garten die Möglichkeit für Abwechslung und Tagesstruktur.

 

 

Angela Losert und Annekathrin Jezler, die beiden Leiterinnen des Projekts, haben mit dieser Zusammenarbeit überwiegend gute Erfahrungen. "Alle achten beim Gärtnern gut aufeinander und durch die ehrenamtlichen Helfer/Innen verteilt sich die Verantwortung auf viele Schultern" erzählt Angela. Was ich selbst beim Mitgärtnern immer wieder schön zu beobachten finde, ist der "learning by doing" Effekt der Sprache, der oft wie nebenbei entsteht.

 

https://stiftsgarten.ch/galerie/eindruecke-2017

 

Der Garten ist die Umsetzung von Angelas Version eines "kleinen Paradieses" und das ist er inzwischen tatsächlich. Da bin ich mir mit den anderen Mitgärtner/Innen einig. Klar gibt es auch in Paradiesen jede Menge Arbeit und weitere Pläne. Die Erträge des Gartens werden sich in den nächsten Jahren noch deutlich steigern, da Beerensträuche bis zu sieben Jahre, Obstbäume sogar bis zu 12 Jahre brauchen, bis sie Vollertrag liefern. Es wird also in Zukunft noch viel mehr zu ernten geben, das anschliessend auch verarbeitet und verkauft werden kann.

 

Das soll entweder an kleine lokale Unternehmen oder direkt an die Endkonsumenten/Innen geschehen. Deshalb ist als nächstes Bauvorhaben ein Mehrzweckgebäude vorgesehen, in dem es eine Kochzeile, Stauraum, einen Arbeitstisch und zwei Drittel offene, bestuhlbare Fläche geben wird. Neben Verarbeitung der Ernte vor Ort entsteht dadurch zusätzlicher Raum für Kurse, Vorträge, Veranstaltungen und Teamevents. Für die nächste Bauphase werden derzeit noch Gelder gesucht.

 

Wer neugierig ist kann derzeit immer donnerstags zwischen 14 und 18 Uhr zum Kennenlernen vorbeischauen. Gut verbinden lässt sich der Besuch auch gleich mit einem eigenen Ernte-Einsatz. Seit diesem Sommer können erstmalig Beeren zum Tagespreis selber gepflückt werden.

 

Für mich ist der Stiftsgarten eine echte Stadt-Oase und eine unbedingte Empfehlung.

 

Angela blickt über ihr Gartenparadies; Fotografie: Franziska Rothenbühler

https://stiftsgarten.ch/galerie/eindruecke-2016

 

Vielen Dank Angela und Annekathrin, dass ihr euch für ein Interview Zeit genommen habt und weiterhin eine reiche Ernte im Stiftsgarten!

 

Hier geht's zur Homepage des Stiftsgartens:  www.stiftsgarten.ch

Homepage der OGG Bern:  www.ogg.ch