Unterwegs mit Zero-waste Switzerland: von der Kunst, Gewohnheiten zu durchbrechen

 

Wie beginne ich am besten einen Artikel über einen Lebensstil, der eine umfassende Abfallreduktion zum Ziel hat? Mit dem erhobenen Zeigefinger oder mit schockierenden Zahlen?

 

Das Problem ist längst hinreichend bekannt und wir alle wissen, dass die von uns verursachten Tonnen von Müll zur Zerstörung der Natur und unserer eigenen Gesundheit beitragen. Dennoch ziehen wir aus diesem Wissen in unserer (schein)-heilen und vordergründig aufgeräumten Konsumwelt nur sehr langsam Konsequenzen für die Veränderung eigener Gewohnheiten.

 

Tatsächlich ist es auch gar nicht so leicht, in einem auf den ersten Blick so sauberen Land wie der Schweiz das Abfallproblem im eigenen Alltag immer im Bewusstsein zu haben. Zum Glück gibt es überall wache und engagierte Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen und für die anderen als Augenöffner dienen, um auf bestehende Misstände aufmerksam zu machen und praktische Lösungswege gleich mit aufzuzeigen.

 

Eine davon ist Christine, Botschafterin der Region Bern für den Verein "ZeroWaste Switzerland", der sich für Abfallreduktion und nachhaltige Produktionsmethoden in der Schweiz einsetzt. Ich treffe sie zufällig in der Kulturbar Werkhof 102, am gleichen Abend des Interviewtermins für meinen Blogartikel über "Bern unverpackt".  Christine stellte dort in einem Vortrag den Verein und die Grundsätze des "Zero Waste" Lebensstils vor. Als sie in einem Nebensatz erwähnte, dass sie für ihren Stand am Berner Umwelttag noch Helfer/Innen suchen, sagte ich spontan aus Neugier zu.

 

Einmal reingestolpert: Zero-Waste in Aktion

 

Jetzt mal ganz ehrlich: Mit Zero-Waste hatte ich bisher nicht viel zu tun. Zwar kaufen wir in unserer WG inzwischen einige Grundnahrungsmittel unverpackt, ein Teil meiner Kleidung ist Second-Hand und ich boykottiere in Plastik verpacktes Bio-Gemüse. Damit war's das aber auch schon fast.

 

Da lerne ich hier, am gemeinsamen Stand mit Christine und Valentine am Berner Umwelttag definitiv einiges dazu, das mich ab sofort in meinem Alltag immer mal wieder erinnern und begleiten wird. Auf unserem liebevoll gestalteten Tisch findet sich eine Sammlung von alltäglichen Dingen, die im Sinne der Abfallreduktion ganz leicht selbst hergestellt werden können oder sich eh schon irgendwo im Haushalt finden Alles was es dafür braucht ist die Änderung von Gewohnheiten und die Motivation, die eigene Komfortzone ein Stück zu verlassen.

 

Stofftaschen statt Plastiktüten, Servietten aus Leinen statt Papiertücher, selbstgemachte Seife oder Tücher aus Bienenwachs als Verpackungsmaterial. Obwohl das meiste simpel und selbsterklärend ist, denken wir aus Bequemlichkeit oft nicht daran.

 

Die "Palette unverpackt" in der Berner Münstergasse bietet eine breite Produktauswahl für verpackungsfreies Einkaufen.

 

Valentine, die selbst Mitglied des Vereins ist und in der "Palette unverpackt" in der Berner Münstergasse arbeitet, experimentiert gerne seit sie sich dem Zero-Waste Leben verschrieben hat. An diesem Tag überrascht sie mich mit selbstgemachtem Flüssigwaschmittel und einem wohlriechenden "Zero-waste-Deo" auf Kokosölbasis, abgefüllt in einem kleinen hübschen Einmachglas.

 

Zero-Waste: Zahlen, Fakten und Hintergründe

 

Wie gross ist nun eigentlich das Abfallproblem in der Schweiz tatsächlich? Manche behaupten, hier könnten wir doch wirklich zufrieden sein. Durchschnittlich werden jedoch auch in der sauberen Schweiz pro Jahr und EinwohnerIn 730kg Abfall verursacht. Nur die Hälfte ist recycelbar, der Rest landet in der Verbrennungsanlage, wo er eine enorme Schadstoffmenge verursacht.

 

In der Zero-waste Bewegung geht es deshalb um die Entwicklung zu einem Lebensstil, in dem wir von Grund auf Abfall vermeiden und einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen der Erde in den Mittelpunkt stellen. Dahinter steht der Grundsatz: "Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht".

 

Ästhetisch, lecker, zero-waste! Grundnahrungsmittel in der "Pallette unverpackt"in der Münstergasse Bern

 

Zero-waste in der Praxis: die fünf Schritte zur alltagstauglichen Umsetzung

 

Obwohl das Thema uns alle schon lange angeht, gibt es für die Zero-Waste Bewegung und ihre Verbreitung eine eindeutige Urheberin. Die US-Amerikanerin Bea Johnson hat im Jahr 2008 den Begriff in Umlauf gebracht und durch das Schreiben über ihren eigenen Lebensstil eine ganze Bewegung rund um den Globus initiiert. Über ihren Blog und durch internationale Vorträge und Workshops engagiert sie sich für intelligenten Konsum und ermuntert Privatpersonen und Unternehmen zu neuen Gewohnheiten.

 

Aus ihren eigenen Erfahrungen hat sie das folgende fünf-Stufen Modell zur Abfallreduktion entwickelt, das uns konkrete Anhaltspunkte für die Umsetzung im Alltag gibt.

 

refuse = verweigern

 

Das erste und wichtigste Prinzip erinnert uns daran, dass wir nicht einfach hinnehmen müssen, was uns als selbstverständlich angeboten wird. Wir dürfen verweigern: Freundlich, aber bestimmt. Prospekte, Werbung, Plastiktüten, Produktproben - hier geht es mal wieder, wie so oft und wichtig, um unsere Macht als Konsumenten.

 

reduce = reduzieren

 

Wir sind Verschwendung und Überfluss inzwischen gewohnt. Hin und wieder tut es gut, sich einfach mal ehrlich die Frage zu stellen: Was von alledem brauche ich wirklich und wieviel davon?

 

reuse = wiederverwenden

 

Das geht mit viel mehr Dingen, als wir das allgemein praktizieren. Reparieren, stopfen, nähen, auffüllen, bepflanzen, der Kauf von Second-Hand Waren, Kleidertauschbörsen und Repair-Cafés - das alles gehört in diesen Bereich. Ebenso tun wir der Umwelt Gutes, wenn wir Plastik durch Materialien wie Glas, Stoff und Metall ersetzen und diese so gut wie möglich in einem Kreislauf erhalten.

 

recycle = wiederherstellen

 

Hier landet alles was doch nicht vermieden oder wiederverwendet werden kann. Bisher wurde uns Recycling immer als absolut umweltfreundlich verkauft. Ziel bei "Zero-Waste" ist jedoch, dass so wenig wie möglich zum recyceln übrig bleibt, um von Grund auf Ressourcen zu sparen.

 

rot = kompostieren

 

Das ist selbstverständlich für alle auf dem Land mit Garten - aber für uns Städter? Wir haben in unserem Quartier nicht einmal Bio-Tonnen. Komposter für den Balkon oder den gemeinsamen Hof sind bestimmt für viele eine Überlegung wert.

 

 

Der Verein "Zero Waste Switzerland" - Aktivität vor Ort

 

In der Schweiz ist die Initiative durch zwei junge Frauen entstanden, die in ihrem Umfeld auf Neugier und interessiertes Nachfragen stiessen, nachdem sie den Lebensstil von Bea Johnson für sich entdeckt hatten. Den Verein, der inzwischen fast 500 Mitglieder zählt, haben sie gemeinsam 2015 ins Leben gerufen. Das Ziel ist "eine abfall- und verschwendungsfreie Schweiz", wobei es dem Verein besonders um die Sensibilisierung der Bevölkerung durch Vorträge und Workshops geht, die zu einem nachhaltigen Lebensstil anregen.

 

Der Verein kooperiert zudem mit Unternehmen, die erneuerbare Produktionsmethoden fördern und vorbildhaft für Mensch und Natur wirtschaften. Offener Dialog ist das wichtigste Mittel, um in der Zukunft weitere Firmen für die Zero-Waste Bewegung und den Umstieg auf umweltfreundliche Alternativen zu gewinnen.

 

Eine gute Portion Humor und Lockerheit gehört auch dazu, um im städtischen Alltag seine Lebensgewohnheiten umzukrempeln. Das Ganze soll ja schliesslich kein Dogma werden, sondern ein bewusstes Ausprobieren das zugleich Freude machen darf. Das tut es umso mehr, wenn wir unsere Umgebung anstecken und am besten gleich zum Mitmachen ermuntern.

 

Alle BernerInnen und alle, die Bern gerne besuchen wollen, können sich einen von Christine liebevoll gezeichneten "Zero-waste" Altstadtplan unter unten stehendem Link herunterladen. Mit dabei: Palette unverpackt, Gmüesgarte, Chäslade, Petite Puce und Stoor. Viel Freude beim Entdecken!

 

file:///C:/Users/Tina/Documents/LiveTheChange/Zero-Waste%20Altstadtplan.pdf

 

Zur Homepage des Vereins Zero-waste Switzerland