Wohnen mal anders - eine Hausgemeinschaft bei Bern wagt einen Perspektivwechsel

Foto: Ephraim Bieri

 

"Veränderung ist für so viele von uns ein Anliegen und immer mehr Menschen suchen nach Alternativen und neuen Möglichkeiten des Zusammenlebens".

 

So antwortet mir Christian Walti, der junge Pfarrer der Friedenskirche Bern auf die Frage, was ihn zur Gründung des "Mal anders" Kollektivs inspiriert hat. Das Kollektiv besteht seit Frühjahr 2018 als Veranstaltungsplattform, die einen ungezwungenen und kreativen Austausch über Themen des gesellschaftlichen Wandels ermöglicht. Themen, die immer mehr Menschen bewegen und die besonders in den Generationen zwischen 20 und 40 neu diskutiert, durchdacht und ausprobiert werden.

 

Neue Wohnformen sind dabei ein zentrales Thema und deshalb hat das "Mal anders Kollektiv" seine zweite Veranstaltung der Saison 2018 genau diesem Fokus gewidmet.

 

Den beiden Gründern des Kollektivs, Stefan und Christian, geht es dabei vor allem um das Vorstellen neuer Lösungsmodelle und Möglichkeiten, die bereits in der Praxis gelebt werden. Zu jeder Veranstaltung werden Menschen zu einem Interview eingeladen, die bereits seit kurzer oder längerer Zeit in Pionierprojekten aktiv sind.

 

Am zweiten Veranstaltungsabend der Saison ist Esther Grether aus der Hausgemeinschaft "Hubelgut" zu Gast für ein Interview in der Kulturbar "Werkhof 102". Gemeinsam mit 7 anderen Erwachsenen und 3 Kindern lebt sie in einem alten Hofgut in Bolligen nahe Bern. Die Gemeinschaft ist weit mehr als eine grosse WG und wagt sich durch eine geteilte Ökonomie seit circa zwei Jahren in experimentelles Neuland, das neben einigen Herausforderungen vor allem grosse Chancen und Freiheiten für die einzelnen BewohnerInnen öffnet.

 

Zusammen Leben - gemeinsam Wachsen: Möglichkeiten und Herausforderungen einer Gemeinschaft

 

Esther ist vor circa 2 Jahren als Letzte in die kunterbunte Runde hinzugekommen. Die Coachin und Yogalehrerin hat nach vielen Reisen und unterschiedlichen Wohnformen ihre eigenen vier Wände in Bern eine zeitlang in vollen Zügen genossen - und sich nach eineinhalb Jahren trotz Herausforderungen entschieden, Kühlschrank, Küche und Bad gerne wieder mit anderen Menschen zu teilen. In der jetzigen Gemeinschaft hat sie sich von Anfang an herzlich aufgenommen und wohl gefühlt. Zeitgleich mit ihrem Einzug kündigte sich im alten Gutshaus auch dreimal Nachwuchs an, so dass die Entscheidung für ein eindeutiges "Ja" zum Abenteuer Wahlfamilie noch einmal ganz neue Facetten bekam.

 

Den Alltag im Zusammenleben empfindet Esther grösstenteils als sehr erfüllend und bereichernd. Jeder der Erwachsenen geht beruflich und privat seinen eigenen Tätigkeiten nach - als Lehrer, Yogalehrerin, Journalist, Studentin, Mutter und Vater. Die Mischung ist vielfältig und die BewohnerInnen sind gerne aktiv. Deshalb braucht es an vielen Stellen Organisation und Struktur, damit das Zusammenleben auch wirklich ein Miteinander ist.

 

Teilhabe und Austausch steht deshalb für alle hier ganz oben auf der Liste. Gemeinsame Einkaufslisten und eine Tafel für das z'Mittag und z'Nacht Essen stellen die grundlegende Versorgung und eine teilweise Überschaubarkeit der Küchenaktivitäten sicher. Im Durchschnitt kocht jeder einmal pro Woche für alle und hat dafür an allen anderen Tagen die Gelegenheit, Essen ohne eigenen Aufwand zu geniessen. Allein schon das ist ein Gewinn und eine schöne Entlastung sagt Esther lachend. Vor allem, weil es lediglich eine Möglichkeit und kein belastendes Muss ist.

 

Natürlich bedeutet das nicht, dass es keinerlei Verpflichtungen in der Gemeinschaft gibt. Was für Kleinfamilien gilt, ist auch auf das grössere Modell übertragbar: Hin und wieder müssen einfach alle für ein “Kollektiv-Update” an einem Tisch sitzen. Das passiert im Schnitt alle zwei bis drei Wochen in einem Plenum am Abend, in der aktuelle Themen besprochen, Bedürfnisse geäussert und Gefühle geteilt werden. Neben all den organisatorischen Angelegenheiten sind diese Treffen aber auch einfach für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig, sagt Esther.

 

"Wir merken in dieser Zeit jedesmal wieder neu, wie gerne wir einander eigentlich haben. Das sind immer wieder schöne Momente".

 

Überhaupt ist den 8 Erwachsenen in ihrem Modell des Zusammenlebens sehr wichtig, dass Gemeinschaft eine bewusst gewählte Einheit bedeutet, die den Einzelnen trägt, nährt und in seiner freien Entfaltung als Mensch unterstützt. Jede und jeder trägt deshalb in einem Bereich des Alltags seinen Anteil zum Ganzen bei, wo er seine Fähigkeiten am besten einbringen kann. Konkret gibt es also Verantwortliche für Garten, Haushalt, Einkäufe, Bauvorhaben, Planung etc. Aktuell gehen alle gemeinsam der Frage nach, wie die Betreuung der Kinder intern gelöst werden kann, so dass auch hier eine Entlastung stattfindet und grössere Unabhängigkeit für alle möglich wird.

 

Foto: Ephraim Bieri

 

Weniger Zwänge, mehr Freiheit: Gemeinsame Ökonomie in der Praxis

 

Freiheit und Unabhängigkeit sind zwei wichtige Grundwerte, die in der Gemeinschaft seit circa zwei Jahren durch ein mutiges Modell neu erprobt werden. Seitdem teilen 7 der 8 Erwachsenen ein gemeinsames Konto, auf das sämtliche Einkünfte eingehen und von dem sämtliche Ausgaben gezahlt werden.

 

Dieses Prinzip braucht vor allem Zweierlei: Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen und Vertrauen ineinander.  Bisher funktioniert das für alle gut. So gut, dass jede/r das Gefühl von mehr anstatt weniger Reichtum hat und es sogar möglich ist, einzelne MitgliederInnen finanziell für einen bestimmten Zeitraum zu tragen, wenn sie gerade keiner bezahlten Arbeit nachgehen.

 

Weiterhin entlastend ist das gewählte Modell der Rechnungszahlung, denn diese Aufgabe wechselt alle drei Monate zu einem anderen Gemeinschaftsmitglied und wird kompakt für alle auf einmal erledigt. Das heisst konkret, dass sich jeder im Durchschnitt nur alle 18 Monate mit dem Thema "Rechnungen zahlen" beschäftigen muss. Das hat bisher noch jede/r als angenehm empfunden!

 

Natürlich gab es besonders in der Anfangszeit auch viele Ängste und Bedenken, als sich die Gemeinschaft auf das Experiment eingelassen hat. Schliesslich verdienen alle unterschiedlich viel und wir sind es als Erwachsene nicht gewohnt, die Kontrolle über unsere Finanzen für einen längeren Zeitraum in andere Hände zu geben. Inzwischen sind diese Bedenken jedoch bei Allen einem neuen Gefühl von Freiheit und Entlastung gewichen.

 

Als positiver Nebeneffekt überdenkt seither auch Jede/r viel genauer die eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Es findet eine bewusstere Auseinandersetzung damit statt, welche Ausgaben wirklich wichtig und welche eher überflüssig sind.

 

Auf die Erfüllung von Wünschen und eine hohe Lebensqualität muss deshalb aber nicht verzichtet werden. Urlaub, Hobbys und Freizeitaktivitäten sind ebenso im Budget eingeplant, wie die grundlegende Versorgung und eine kleine monatliche Rücklage für jedes Kind des Hauses.

 

Die gemeinsame Ökonomie verschiebt vor allem die Grenzen des Denkens. Anstelle des "mein" und "dein" rückt das "unser" stärker in den Vordergrund.

 

Die Küche wird zu klein - das Hausprojekt wächst

 

"Zusammen auf dem Weg sein und als Menschen miteinander wachsen..."

So bodenständig und einfach beschreibt Esther die gemeinsame Vision der Hausgemeinschaft.

 

Da sich inneres und äusseres Wachstum meist bedingen und mit den drei grösser werdenden Kindern der Platz (vor allem in der Küche!) immer knapper wird, haben die Acht mit viel Engagement und Öffentlichkeitsarbeit ein gut erhaltenes Bauernhaus in Urtenen gefunden, das nach dem Ausbau ab 2020 das neue zu Hause für alle wird. Damit stehen wieder zusätzliche Abenteuer ins Haus, denn dann gibt es vor Ort über 800m² Wohnfläche mit Platz für bis zu 30 BewohnerInnen, ein grosses Gartenareal für teilweise Selbstversorgung und eine ehemalige Restaurantküche im Erdgeschoss.

 

Der Prozess, neue Menschen für diese Erweiterung zu finden, läuft bereits und zieht viele Interessierte an. Das jetzige Wohnzimmer im Hubelgut wurde schon bei den ersten Kennenlerntreffen auf seine Gästekapazität erprobt. Dabei gilt, was grundsätzlich in der "Familie Hubelgut" an erster Stelle steht:

 

Offenheit und eine grosse Portion Vertrauen, dass zum passenden Zeitpunkt auch die richtigen Orte und Menschen zueinander finden.

 

 

Mehr Infos unter:  www.unserhausprojekt.ch